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Wir amüsieren uns zu Tode

- Presse -




Vorbericht in der "Lausitzer Rundschau" (11. September 2002) von Klaus Trende:

Am 14. September wird in der Kammerbühne des Cottbuser Staatstheaters das Ballettstück "Wir amüsieren uns zu Tode" uraufgeführt. Die erste Premiere der neuen Spielzeit widmet sich einer der zentralen Fragen der menschlichen Verfassung im 21. Jahrhundert: den Medien, der Gleichschaltung, der Diktatur des Normativen, dem Kampf gegen die Stromlinie einer im gedankenlosen Fluss befindlichen Gesellschaft. Ballettmeister Michael Apel inszeniert nach dem Buch des amerikanischen Medienökologen Neil Postman sein gleichnamiges Tanzstück. Beim Probenbesuch kam die RUNDSCHAU mit ihm ins Gespräch.

Eines ist sofort klar: Hier wird Kunst als Lebenskunst offeriert. Es geht um die Möglichkeiten menschlicher Kommunikation in der verirrten Spaßgesellschaft, um die Kraft des Einzelnen in der Gruppe und seinen Platz in der medialen Scheinwelt. Pink-Floyd-Bassist Roger Waters liefert mit seinem Album "Amused to death" (1992) den musikalischen Rahmen ebenso wie Jazzikone Keith Jarrett mit dem legendären "The Köln Concert" (1975). Alles Sterne am Rockhimmel des Jahrhunderts. "Und wenn Waters das Postman-Thema in eine Ballade bringen konnte, dann können wir es auch für die Bühne bearbeiten", sagt Michael Apel zu seiner Uraufführung.

Ein riskanter Akt

Freilich ist es ein riskanter Akt, den Ernst der Sache als Tanzbild zu transportieren. Die Proben mit sieben Tänzerinnen und Tänzern zeigen indes, wie überzeugend es funktioniert. Der Grund: die Choreographie nutzt konsequent Bilder, kratzt die Ablagerungen von der Seele, öffnet emotionale Räume allein mit der Körpersprache. "Auslöser für die Inszenierung war der Nato-Einsatz in Jugoslawien", erzählt Apel, "weil hier der Krieg als Unterhaltungsshow geboten wurde, wie Postman prophezeite. Mein Glauben an die Demokratie war gebrochen, die Strukturen verschlissen, die Medien hatten versagt wie die Politik." Der saubere Krieg, im Cockpit die schönen Zielbilder zwischen der Werbung für Kitekat und Dosenbier - so läuft das ab, stumpft ab, uniformiert die Leute in ihrer Wahrnehmung. Wem tut es weh, wenn die Bomben 2000 Kilometer entfernt detonieren? Dennoch, das Tanzstück ist kein didaktisches Theater, sondern eine Balance zwischen den sinnlichen Dimensionen von Musik, Tanz und Rhythmus und den dramatischen Versuchen einer Gruppe junger Menschen, Gemeinsamkeit zu retten. Gabi Beier hat die Dramaturgie in den Händen. "Wir befragen in dem Stück auch die Bedingungen für Mitläufertum, Opportunismus, Anpassung, Lethargie", sagt sie. Und es geht um die menschliche Fähigkeit der Unterscheidung. So wird in einigen Passagen der Bühnentanz zugleich auf die Leinwand projiziert; es wechseln Videosequenzen vom ersten Weltkrieg mit der chinesischen Panzerszene auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Der zerbrechliche Mensch als Bollwerk gegen die Barbarei.

Ein Stück der Hoffnung

"Es bleibt ein Stück der Hoffnungen", sagt Michael Apel, "mit der Musik polarisieren wir, schaffen Brüche, die das Leben täglich liefert. Theater kann ja die Realität nicht außer Kraft setzen, es muss aber auf deren Wahrnehmung reagieren. Vielleicht schaffen die Tanzbilder eindeutigere Ent-Täuschungen und Ermutigungen als Worte." Bereits 1992 sagte Neil Postman der RUNDSCHAU in einem Interview : "Die Informationsflut ist ein Wasserfall des Chaos, des Mülls geworden, richtet sich an keinen mehr, ermöglicht kein zusammenhängendes Weltbild mehr. Es ist ein kulturelles Aids entstanden, unser Abwehrmechanismus ist zusammengebrochen." Am Ende die Besinnung auf die großen Erzählungen, einen anderen, noch möglichen Wertekanon, der beim Einzelnen beginnt und das ganze System in seiner sozialökonomischen Versteinerung betrifft, die Steinzeit also. Michael Apel: "Die letzte Szene zielt auf den Einzelnen. Ein Tänzer zieht seine Modejacke aus - und sogleich ist er von der Gruppe isoliert, ein Aussteiger, allein, aber der Vernunft verpflichtet."

Ermutigender Utopievorrat

So begannen meist die großen Veränderungen. Mit fünf Leuten, die die Welt aus den Angeln heben. Postmans Gedanken besingen den sanften Widerstandskämpfer, der weiß: "Unsere Kultur, die Zivilisation kann auf verschiedene Weise zugrunde gehen. Entweder, dass sie zum Gefängnis wird - der Kommunismus hat es demonstriert - oder dass sie sich zum Varieté entwickelt." (Postman, 1992). Dass das Cottbuser Staatstheater sich darauf bereits zum Start ins neue Spieljahr einlässt, spricht für dessen ermutigenden Utopievorrat.



"Die Geschichten reagieren einfühlsam auf Situationen der Gegenwart. Das imponiert, denn manch anderes Tanzstück heutiger Prägung begnügt sich mit spielerischem Abklatsch von Ereignissen im Alltag der 'Spaßgesellschaft'."
Dietmar Fritzsche (Lausitzer Rundschau, 16. September 2002)

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