Bach und Tanz
Die folgenden Texte haben Marie-Luise Fischer, Jenny König und Andre Kaczmarczyk für das Stück "Nur ein aufmerksamer Blick" geschrieben und zwischen den Tanzszenen vorgetragen.
1.
Marie: Jede Masse, Gesellschaft, Gruppe oder gruppenähnliche Formation sucht sich ihre Opfer.
André: Grundprinzip ist, dass sich das Opfer von der Masse durch irgendein Merkmal unterscheiden muss.
Jenny: Dieser Unterschied muss nicht besonders groß sein, er kann zwischen einem minimalen Detail und einer groben Auffälligkeit variieren.
Marie: Hat eine Gruppe ihr Opfer ausgewählt, so widerfahren diesem immer wieder Abneigung, Hass, Ignoranz, Ausgrenzung.
André: Wichtig ist, dass das Opfer reagiert und somit das Bewusstsein der Masse weckt, etwas erreicht zu haben.
Jenny:
Ich war in der zweiten Klasse, hatte viele Freunde und war beliebt. Wie in jeder Klasse gab es auch bei uns Außenseiter, doch für mich war Manuela genauso wie jeder anderer auch. Sie sah nur anders aus und sprach ein wenig anders, trotzdem war sie meine Freundin. Einmal saß sie auf einer diesen kleinen Schulbänke, mit diesen viel zu kleinen Stühlen, über die wir uns immer totlachten, und weinte. Ich wollte zu ihr. Doch jemand hielt mich an meinem rechten Arm fest, Stefanie, meine allerbeste Freundin, und sagte "Ach komm, lass die doch, oder willst du etwa auch zu denen gehören?" Ich zögerte eine Sekunde lang. Dann ging ich aus diesem gelben Klassenzimmer, ohne mich noch einmal umzudrehen.
André:
Floppi war ziemlich lang in unserer Klasse. Na... und sie... sie roch halt nicht so angenehm... also ihr Geruch war eben... Floppi hat eben gestunken. Und das haben wir uns nicht eingebildet. Floppi hat nach Schweiß gestunken. Später dann auch nach Asche, Schweinestall, Dosenravioli und so. Wir haben sie echt übel fertig gemacht... einmal haben wir ihr ein Deo geschenkt und sie gefragt, ob sie denn wüsste, wie das funktioniert. Sie hat es eingepackt und ist abgehauen... Das war echt scheiße von uns, aber es hat uns unheimlich gepusht. Wir waren die, die jemanden fertig machen konnten. Wir haben zueinander gehört... Irgendwann hat das mit Floppi dann überhand genommen... sie fing an, sich zu wehren und wurde echt aggressiv. Da haben wir ihr dann gesagt: Sorry Floppi, war doch wirklich nicht so gemeint. Und damit war es für uns gegessen. Mir tut das alles wirklich leid. Wirklich. Aber ich kann es Floppi einfach nicht sagen...
Marie: Ja, natürlich ist sie eine blöde Schlampe.
André: Ich kann die mir nicht angucken. Wenn die schon mit ihrer hässlichen Larve reingelatscht kommt - da krieg' ich das Kotzen.
Marie: Na, davon wollen wir gar nicht mehr reden, das ist ja sowieso klar.
André: Sie hat keine Ahnung und mischt sich in die Angelegenheiten anderer ein. Und immer auf so 'ne schleimige und scheißfreundliche Tour.
Marie: Meinst du? Das glaube ich nicht.
André: Und wenn schon: Sie soll das lassen. Ich meine, wie deutlich sollen wir ihr denn noch zeigen, dass wir sie nicht leiden können. Jedes Mal, wenn sie mit uns redet, verhalten wir uns doch unmissverständlich.
Marie: Da siehst du mal, wie blöd die wirklich ist. ... Übrigens, da drüben kommt sie gerade.
Die beiden sehen einander an, lächeln verschämt, drehen sich gemeinschaftlich um und grüßen SIE mit einem freundlichen "Hallo!" "Hallo!"
2.
André:
Den ganzen Abend lag schon irgendwas in der Luft. Die Party war echt ziemlich scheiße... Aber, irgendwas war eben. Wir haben uns nicht sonderlich oft angesehen oder miteinander geredet. Wir kannten uns schon länger, aber es war jetzt noch nichts intensives oder so. Na ja, ich bin dann irgendwann in die Küche marschiert, um mir was zu trinken zu holen... es wurde gerade "California Dreaming" gespielt - laut und schon das dritte Mal an diesem Abend. Jedenfalls wollte ich dann zurück in den Partysaal... im Flur sind wir uns dann begegnet. Alles schien plötzlich so zeitversetzt oder wie in Zeitlupe zu geschehen. Es ist nichts passiert, außer dass wir uns lange gegenüber gestanden haben... Ich muss ziemlich blöd ausgesehen haben mit der Flasche Rotwein in der Hand. Und dann sind die Uhren wieder angesprungen und du hast deinen und ich meinen Weg fortgesetzt. Jedes Mal, wenn wir uns seit diesem Tag wiedergetroffen haben, schien die Zeit zu stoppen und von irgendwoher wurde "California Dreaming" eingespielt.
Jenny:
Ich weiß es noch ganz genau, das war an einem dieser heißen Sommertage, an denen man eigentlich ins Schwimmbad geht. Wir gingen ins Theater und schauten uns ein Stück mit einem neuen Schüler von uns an. Ich setzte mich links auf die vorderste Bank, ohne zu wissen. Es fing an, nach einiger Zeit trat er dann auf die Bühne und stellte sich an diesen Balken, 2 cm von mir entfernt. Ich glaube, ich bin total rot geworden, das war mir irgendwie peinlich. Warum? Er hatte einfach so etwas, was einen völlig in seinen Bann zog und glücklich machte.
Marie:
Neuerdings gehe ich immer an einem anderen Eingang zur Schule rein, weil ich dann ein Mädchen sehe, das ich große Klasse finde. Sie steht meistens hinten rechts unter dem großen Mauerbogen und summt entweder vor sich hin oder lächelt einfach nur. Dann gehe ich immer sehr langsam und schau, ob ich sie sehen kann, und wenn ich sie dann sehe, lächle ich, damit sie, falls sie es nicht schon längst tut, auch lächelt. Das kann sie nämlich wie kein anderer Mensch auf der Welt. Sie hat rot-blonde, etwa schulterlange Haare, dunkle, riesige Augen und ist immer ziemlich blass. Sie ist nie geschminkt und trägt fast immer Strickpullover in Brauntönen sowie leichte Hosen in Dunkelgrün oder auch in Braun. Im Sommer läuft sie immer barfuß durch die Stadt. Wenn sie lächelt, dann lachen auch ihre Augen und sie hat dann Wangen wie ein fröhliches, kleines Kind. Sie ist sehr ruhig, das heißt, ich habe sie noch nie reden hören. Neulich abends bin ich ihr begegnet, wie sie Richtung Bahnhof die Straße entlanghüpfte und laut sang, was die Leute auf der anderen Seite der Straße augenscheinlich sehr peinlich fanden. Wieder bin ich ganz langsam gefahren, hab sie angelächelt und dann hab ich angehalten, um ihr nachzusehen. Sie ist in der 12. Klasse.
3.
André: Ach komm, sag mal! Rück schon raus! Gehst du nachher heim??? Hast du die Berichtigung? Och bitte!
Marie: Ich bin nicht der Mensch, der dauernd im Mittelpunkt steht. Ich genieße es zwar, aber es ist nicht oft so. Häufig merke ich, dass ich nur kurze Zeit für Personen wichtig bin. Auf einmal dreht sich die ganze Welt um mich und ich gerate in Zweifel, ob ich diese Situation nun nutzen und sie genießen soll, oder ob ich hart bleibe und demjenigen nicht das gebe, was er gerade mal von mir möchte. Es ist ein gutes Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, ob das nun auf einer Leistung oder auf einem Gegenstand oder einer Information basiert, denn in diesem Moment merkt man, dass man etwas besitzt, was ein anderer auch gern haben möchte. Man interessiert sich für mich. Ich scheine für kurze Zeit einen Einblick in das Leben anderer werfen zu dürfen. Auf einmal gehöre ich dazu, stehe sogar ein Stück über einigen, und dabei muss ich kein schlechtes Gefühl haben, da man mich ja auf diese Stufe gestellt hat. Ich bin jetzt nicht anders, sondern einfach mal eine gute Freundin. Mir wird Verständnis entgegengebracht.
Der Mittelpunkt sein. Entweder für einige Minuten oder auch für etwas länger, bis der Wunsch eben erfüllt ist. Und habe ich dann meinen vorbestimmten Zweck erfüllt, so bleibe ich auf der Strecke liegen. Oft habe ich das Gefühl, dass ich als Lückenbüßer benutzt werde. Diese Erkenntnis schmerzt, aber dafür im Mittelpunkt zu stehen lohnt es sich manchmal.
Jenny:
Es ist dunkel, der Scheinwerfer ist auf mich gerichtet, und ich sehe und höre Gesichter und Stimmen. Stimmen über Stimmen von einer Masse, die es gilt zu bändigen. Man kann sein eigenes Wort kaum verstehen. Die Gitarre zupft die ersten Takte, ich hebe das Mikrofon zu meinen Lippen und fange an zu singen. Stille. Für die nächsten drei Minuten hört und sieht man nur auf mich. Wenn diese Masse dann anfängt zu klatschen, ist das ein Moment, der mich ausfüllt und befriedigt. Das kann mir niemand nehmen.
4.
André:
Ich wünsche mir das Gefühl von einem schönen Sonntagmorgen. Ich wache auf und fühle mich rein, kraftvoll, frei.
Ich wünsche mir das Gefühl von einem schützenden Ei. Ich sitze darin und ich entscheide, wann ich die Schale aufbreche.
Ich wünsche mir das Gefühl einer rastlosen Dampfmaschine. Ich ziehe eilig und geschwind umher, nehme soviel ich eben kann in mich auf und ziehe dann weiter - kein bestimmtes Ziel im Kopf.
Ich wünsche mir das Gefühl von einem wachsenden Baum. Ich werde größer, kräftiger und älter, bekomme Risse und Falten, darf aber immer wieder neu erblühen.
Marie:
Ich bin froh, dass ich meinen festen Wochenablauf habe. Montag Theatergruppe, Dienstag lange Schule, Mittwoch Tanzen, Donnerstag Klavier und Freitag nochmal Tanzen. Ich weiß ganz genau, welchen Leuten ich dort begegne und was ich dort tue oder eher tun soll. Durch eine lange und anstrengende Woche habe ich kaum Zeit, was beabsichtigt ist. Habe ich Zeit, so ruhe ich mich aus, hätte ich lange Zeit, so würde ich nachdenken, wie am Wochenende, an dem ich im Vergleich zur Woche nichts zu tun habe. Es ist nicht immer alles so, wie ich es gerne möchte, und wenn ich unter Druck stehe oder Stress habe, so vergesse ich diese Dinge schnell, ich übersehe sie fast. Wenn ich Zeit habe, fehlt dieser Schritt, und alles Erlebte wird nicht einfach übergangen, sondern es staut sich und staut sich, bis mein interner Stauraum zu Ende ist. Dann habe ich den Kopf voller Gedanken, die mich belasten, und die langsam wieder abgebaut werden müssen, was so sehr viel länger dauert, als sie aufzubauen. Deshalb kann ich eine freie Woche nicht genießen.
5.
Jenny: Na, wie geht's denn so?
André: Warum fragst du mich das? Du kennst mich doch überhaupt nicht! Und ob gut oder scheiße, es interessiert dich doch nicht wirklich. Du willst es genauso wenig von mir wissen, wie ich es von dir wissen will. Wenn ich dir die Wahrheit sagen wollte, müsste ich mir wirklich Gedanken darüber machen, wie es mir geht, und das will ich nicht. Und ich will dich nicht fragen müssen und mir dann deine Leidensgeschichte anhören. Ich hab doch genug mit mir selbst zu tun. Ich könnte dir keine Ratschläge geben. Wir sollten uns nicht gegenseitig belasten. Also: Danke der Nachfrage. Es geht mir gut.
Jenny:
Über Probleme zu reden, fällt mir sehr schwer. Ich habe natürlich ein, zwei Menschen, denen ich fast alles erzählen kann. Doch es liegt halt an mir, ob ich etwas von mir preisgeben möchte. Denn es ist immer diese Angst dabei, etwas Falsches zu sagen, jemanden zu verletzen oder etwas aufs Spiel zu setzen. Es gibt auch gewisse Dinge, die ich niemandem erzählen will, denn dann würde ich alles von mir zeigen und wäre in gewisser Weise nackt und verletzlich.
Marie:
Wenn man leicht durch's Leben kommen will, darf man von nichts zu viel und von nichts zu wenig haben.
Der Durchschnittsmann hat eine Durchschnittsehe - falls er nicht zu dem durchschnittlichen Drittel aller Ehen gehört, die geschieden werden - mit einer Durchschnittsfrau, die durchschnittlich drei bis vier Jahre jünger ist als er. Beide haben zwei Durchschnittskinder in einer durchschnittlich schlimmen pubertären Phase. Zu unserer Durchschnittsfamilie gehört auch noch das Durchschnittshaustier. Den heranwachsenden Durchschnittsjugendlichen findet man stets in einer Menschentraube. Er ist leicht unsicher und noch auf der Suche nach seinem individuellen Durchschnitts-Ich. Der Standpunktsmensch dagegen ist nur vereinzelt zu finden. Er ist der Rebell der Anwesenden und verhält sich gegensätzlich zum Durchschnittstyp. Der Durchschnittsmensch führt ein leichtes Leben, da er sich durch seine Art bei vielen beliebt macht und so viele Freundschaften knüpft.
6.
Marie:
Die kleinen, spitzen Hiebe, die mir im Alltag zufliegen. Ich denke über den Tag nach und bleibe doch tatsächlich immer an den kleinen Kommentaren hängen, die mir im Moment des Geschehens ja so unwichtig vorkommen, die dann auftauchen und mein Bild von einem Tag, der so schlecht gar nicht war, trüben. Es sind meine Probleme, über die sie reden, wie ich aussehe, dass ich anders bin, mich absondere, nur komische Gespräche führe. Genau die Dinge, die mein Leben bestimmen.
Jenny:
Mich verletzt es, wenn ich nur die kleine Rothaarige bin.
Mich verletzt es, wenn meine stundenlange Arbeit für irgendein Fach in der Schule umsonst war. Mich verletzt es, wenn einige nicht sehen, was ich für meine Leidenschaften alles aufopfere und das nicht anerkennen.
Mich verletzt es, wenn meine Eltern das tun.
Mich verletzt es, wenn mich meine Freunde belügen und ich das von jemand anderem erfahre. Mich verletzt es, wenn ich verliebt bin und derjenige nichts von mir wissen will.
Mich verletzt es, wenn ich von meinen Eltern immer noch als Kind gesehen werde.
André:
Manchmal reicht das kaputte Feuerzeug oder das zu weiche Frühstücksei, um völlig durchzudrehen. Andere Male müssen es derbe Auseinandersetzungen sein, die mich umstürzen. Von Zeit zu Zeit ist es ein schmerzerfülltes Gefühl, das sich in mir ausbreitet, weil nichts so verläuft, wie ich es mir wünsche. Manchmal bin ich es selber und manchmal sind es die anderen, die mir alles unerträglich machen.
Marie:
Scheiße. Ich sitze auf dem Sofa, vor dem Fernseher, vor meiner Musikanlage, ein Buch in der Hand. Alles volle Lautstärke. Ich kann nicht lesen, ich kann nicht fernsehen, ich kann keine Musik hören, ich muss alles machen. Wenn ich jetzt genervt die Anlage abschalte und das Buch weglege, dann fahren alle Systeme wieder auf Normal. Ist nicht so. Ich könnte kotzen. Gleich explodiere ich. Verdammt, bin ich wütend. Die Tour klappt nicht, damit ist der Moment, in dem ich wieder die Kurve kriegen kann, längst vorbei.
Alles aus, Tür knallt, durch den Flur, Arbeitszimmer links, Computer an. Ich setz mich. Die Wände wackeln, der hässliche Teppich unter meinen Füßen rollt sich, der beschissene Flügel scheint das noch beschissenere Cello unter sich zu erdrücken. Warum braucht diese Kanacke heute wieder so lange, um hochzufahren. Wirst schon sehen. Die beknackte Maus hängt. Na endlich, assoziales Arschloch. Internet Explorer. Fehlermeldung. System überlastet. Das ist zuviel. Reset-Taste! Jetzt geht das Internet. Online-Spiele-Seite, die später sofort aus dem Verlauf gelöscht werden muss! Ja, 'n Rennspiel, gut. Es kribbelt überall. Gas geben, Bleifuß. Warum fährt diese Scheißkrücke nicht schneller. Knall, das war die Bande. Hat mir jemand in den Tank gepisst, oder warum kann das Ding nicht grade aus fahren. Alle überholen. Von hinten kommt schon wieder der erste. Na warte, du scheiß Arschloch. Ich fahr auf seine Spur, er ist zu schnell, rums. Ich kann nicht mehr weiter fahren, er auch nicht, das hat er davon. Neues Fenster, neues Spiel.
7.
Marie:
Wenn etwas wirklich schlimmes passieren würde, würde ich weggehen, und ich würde es irgend jemandem erzählen, den ich zwar kenne, aber mit dem ich nie mehr zu tun hatte. Wenn ich nämlich mindestens einem Menschen von meinem Problem erzählen würde, wäre es von mir irgendwie ein Stück runter. Meinen besten Freunden würde ich es nicht erzählen, das hat nichts damit zu tun, dass ich denen nicht vertraue, denn das tu ich ja gerade. Aber mit jedem Problem, in das man gute Freunde einweiht, belastet man sie auch ein Stück. Ich würd dann gerne alleine sein, eine ganze Zeit, und nachdenken, bis ich entweder mit Schuld oder eben ohne diese leben kann. Das geht nicht schnell, aber wenn ich das hinter mir hätte, würd ich vielleicht sogar zurückgehen, dahin, wo ich hergekommen bin.
André:
Es ist in der Schule und zu Hause immer die Rede davon, dass DU das und das lösen musst. Im Theater und im Sport z.B. gibt es noch das WIR. Wenn sie in der Schule WIR sagen, merkt man sofort, dass es unehrlich ist. Es gibt kein WIR mehr.
Jenny:
Die Welt ist voll unzähliger Menschen. Ich weiß keinen, mit dem ich wirklich reden kann.
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