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Schneewittchen

- Musik -


"Schneewittchen, der Spiegel und der Prinz" komponierte Volker M. Plangg im Auftrag des Thüringer Landestheaters für großes Orchester. Für die Ballett-Vorstellungen in Eisenach wurde eine CD mit der Landeskapelle Eisenach unter der Leitung von Rainer Eichhorn aufgenommen.
Die Aufführungsrechte für "Schneewittchen, der Spiegel und der Prinz" liegen beim Whale Songs Verlag.


© Volker M. Plangg

Volker M. Plangg im Gespräch
Originalbeitrag für das Programmheft zu "Schneewittchen"

G.B.: Herr Plangg, das Eisenacher Theater ist in der seltenen glücklichen Situation, eine zeitgenössische Komposition als Uraufführung herauszubringen. Dass es sich dabei um ein Ballett für Kinder handelt, ist umso erfreulicher. Was hat sie daran gereizt, ein "Schneewittchen" für Kinder zu komponieren?
V.M.P.: Einerseits habe ich Erfahrungen, was Kompositionen für Kinder anbelangt, weil ich vier Kinderopern komponiert habe: "Klimka, der Meisterdieb", "Die zertanzten Schuhe", "Die Tatutinger" - da ging es um ein fiktives Städtchen namens Tatutingen, und die Bewohner hießen natürlich die Tatutinger -, und das letzte war "Wer hat Angst im Zirkus Zirbelnuss". Bei diesen "Opern" handelt es sich sowohl um Werke für Kinder im Zuschauerraum, als auch für Kinder auf der Bühne. Von daher habe ich schon eine gewisse Affinität zu Kindermusik, besonders wenn es sich um Bühnenmusik handelt. Und als erfahrener Vater habe ich sowieso einen besonderen Zugang hierzu.
Besonders erfolgreich war aber auch Ihr Opernmusical "Rasputin".
"Rasputin" wurde in seiner Urfassung bereits 1990 uraufgeführt, und zwar in Weikersheim. Dort ist die deutsche "Jeunesse Musicale" [Internationaler Sommerkurs der Musikalischen Jugend Deutschlands - Anm. G.B.], wo alljährlich unter der Leitung von professionellen Künstlern junge Leute, die sich in der Ausbildung befinden oder gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben, ein Musiktheaterwerk aufführen. Da gab es z.B. schon "Rheingold", "Freischütz", "Don Giovanni" und "Figaro". Ich habe dann von der "Jeunesse Musicale" einen Auftrag bekommen, mit dem Textdichter Hartmut Forche ein Werk zu schreiben, das unter dem Titel Musical firmiert. Wir haben uns für die Geschichte von Rasputin entschieden, die mir schon länger durch den Kopf ging, weil ich Rasputin als historische Persönlichkeit so faszinierend fand. So ist das entstanden. Opernmusical heißt ja, es gibt Opernformen mit Ensembles, Chören, Arien usw., aber in einer Tonsprache, die nicht musicalhaft ist im Sinne von Jerry Herman oder dieser Swing- oder Jazzmusicals, sondern die eher in Richtung "Les Miserables" geht. Also mit einer sehr opernhaften Attitude und mit einem Opernorchester. Darin kommen zwar auch Rockinstrumente vor, aber die dienen eher dazu, eine musikalische Dramaturgie durchzusetzen, etwa wenn es darum geht, die verschiedenen Personen verschieden musikalisch zu zeichnen. Bei "Rasputin" wurde z.B. der Fürst Jussupov hauptsächlich durch Rockmusik charakterisiert.
Würden Sie sagen, dass Sie am liebsten Musik für die Bühne komponieren?
Ja, eigentlich schon. Ich schreibe zur Zeit - die Komposition ist schon fertig, aber die Instrumentierung habe ich wegen der Arbeit am "Schneewittchen" unterbrochen - an einem Opernmusical namens "Pharao". Da geht es um die Ausgrabungen von Tut-ench-Amun und den Mythos vom Fluch des Pharao. Das Stück ist fertig in der Komposition, im Klavierauszug, ich schreibe aber noch an der Instrumentierung.
Zurück zum "Schneewittchen". Ihre Komposition trägt ja, im Unterschied zum Märchen der Brüder Grimm, den Titel "Schneewittchen, der Spiegel und der Prinz". Warum erschien Ihnen diese Erweiterung notwendig?
Erstens gibt es jede Menge "Schneewittchen"-Ballette, u.a. wird gerade eins in Rostock aufgeführt...
Dafür wurden aber verschiedene, bereits vorhandene Kompositionen zusammengestellt...
Ja, aber es heißt "Schneewittchen". Und vor ein paar Jahren gab es auch schon mal in Freiburg ein "Schneewittchen"-Ballett. Ich wollte eben ganz deutlich machen, unser Werk heißt "Schneewittchen, der Spiegel und der Prinz", damit man gleich erkennt, dass es sich um das Beier-Plangg-Opus handelt. Das ist das eine. Und das andere ist, dass mein Komponistenkollege Heinz Holliger, ein Schweizer Komponist, der auch dirigiert und ein virtuoser Oboist ist, vor zwei Jahren eine Oper geschrieben hat, die im Züricher Opernhaus uraufgeführt wurde und sogar im Fernsehen übertragen wurde. Die hieß auch "Schneewittchen". Nein, ich wollte ganz bewusst, dass man unser Werk wiedererkennt.
Beschreiben Sie doch bitte, wie Sie arbeiten. Komponieren Sie chronologisch sozusagen am Libretto entlang oder entwickeln Sie zuerst bestimmte Leitmotive, die Sie später verknüpfen?
Eigentlich chronologisch. Ich befasse mich natürlich vorher intensiv mit der Geschichte und es fällt mir relativ leicht, Bilder, die durch die Lektüre in meinem Kopf entstehen, musikalisch umzusetzen. Mir fallen dann bestimmte Themen ein. Ich will für Schneewittchen ein "gutes" Thema und für die Stiefmutter ein "böses" Thema. Und der Prinz soll ein "erhabenes" Thema haben. Dabei sollen die einzelnen Themen möglichst auch noch wandelbar sein z.B. durch die Verwendung in Dur und Moll, je nach der dramaturgischen Situation auf der Bühne. Außerdem sollen sie auch in sich weiterentwickelt werden können usw. Das lernt man alles im Kompositionsunterricht. Die Idee selber lernt man natürlich nicht im Kompositionsunterricht, die fällt einem ein oder nicht.
Die musikalischen Bilder, die Sie gefunden haben, sind sehr lebendig, sehr plastisch. Die Stiefmutter z.B. ist so schaurig böse, dass einem schon beim Zuhören himmelangst und bange wird.
Die Stiefmutter hat ja mehrere Themen. Das erste ist, wenn sie in ihrem Kämmerlein ist und den Spiegel befragt. Mit dieser Bassklarinette. Dann hat sie ein Thema, wenn sie sich in die Öffentlichkeit begibt bzw. wenn man sich an sie erinnert. Das ist dieses ganz spitze Thema, dieses zerrupfte und zerrissene, spaltige, kantige Thema. Und dann gibt es noch eins, wenn ihr etwas Böses einfällt. Schneewittchen hat nur ein Thema, in Dur und Moll, und das verknüpft mit dem Thema der Zwerge, dem Zwergenwalzer. Das ist auch ein Thema, das sich durchzieht. Das Thema das Prinzen ist ebenfalls so gewählt, dass es z.B. mit dem von Schneewittchen verknüpft werden kann. Deshalb kann auch die Stiefmutter, wenn die beiden als Paar auftreten, zunächst nicht erkennen, dass es sich bei der jungen Königin um Schneewittchen handelt. Die beiden Themen, das von Schneewittchen und das des Prinzen, überlagern sich, erklingen gleichzeitig. Und so entsteht wieder eine völlig andere Musik.
Man kann die Figuren sowohl an bestimmten Instrumenten, als auch an ihren musikalischen Themen erkennen. Das halte ich gerade in einem Stück für Kinder für ein sehr geeignetes Prinzip.
Ja, sogar das Täubchen ist wiederzuerkennen. Der Rabe! Und natürlich die Eule! Ein Jägermotiv gibt es auch. Ich finde jedoch nicht, dass das ein Kompositionsprinzip ist, das nur einem Werk für Kinder gebührt. Ich gehe immer so mit Themen um. Das ist mein kompositorisches Verständnis, wenn ich für die Bühne schreibe.
Arbeiten Sie schon wieder an einer neuen Komposition oder haben Sie Pläne?
Ja, wie gesagt, ich arbeite am "Pharao", schreibe aber auch konzertante Musik. Ich habe letztens ein Werk komponiert für Blechbläser und Orchester, das in Bregenz im Festspielhaus uraufgeführt wurde. Es heißt "Short Stories". Jetzt mache ich die ersten Skizzen für ein Violinkonzert, das im Jahre 2005 anlässlich der Mecklenburgischen Musikfestspiele uraufgeführt werden soll. Ich sammle Material. Aber erst einmal mache ich jetzt "Pharao" fertig, die Instrumentierung kostet erfahrungsgemäß viel Zeit. Und ich arbeite ja auch noch als Chefdirigent an der Staatsoperette Dresden.
Das klingt, als hätten Sie einen 48-Stunden-Tag?
Nein, leider nicht. Aber was soll ich sagen? Man hat einen Beruf gewählt, nicht nur um Geld zu verdienen, sondern weil man spürt, dass da etwas raus möchte.
Vielen Dank für das Gespräch!


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